|
Es mag sich beim ersten Sehen, Lesen oder Hören wie ein Witz anhören. Es fügt sich anscheinend nahtlos ein in den alltäglichen Klamauk, den schnellen Quatsch-Comedy-Club und scheint die Floskel: „Erzähl mal was - braucht nicht wahr zu sein, nur lustig“ nun auch noch blau auf weiß zu bestätigen. Sind „Theorien über NiX“, also nur Quatsch? Sind die ausgestellten Arbeiten, die entwickelten Texte, die Theorien nur ein Witz? In der Ausstellung können wir Objekte sehen, die existieren. Uns werden Erklärungen gegeben und uns werden Theorien vorgestellt. Wir haben es mit Dingen über „NIX“ zu tun. Wir sehen reale Fotos und lesen geschriebene Texte über „NIX“. Wir halten Dinge für wahr, wenn sie uns schlüssig erscheinen. Wir halten Dinge für wahr, wenn sie für uns nachvollziehbar sind. Wir halten Dinge für wahr, wenn wir sie sehen können. Ist dies nicht ein Widerspruch?
Wenn wir annehmen, dass alles nur als Witz gemeint ist, dann brauchen wir ab hier nicht weiter zu lesen. Nehmen wir aber an, dass vielleicht etwas dahinter steckt, nehmen wir an, dass es möglich ist, dass mit einer Ausstellung über „Nix“ „etwas“ gemeint ist, dann können wir versuchen herauszufinden, ob sich unsere Annahme bestätigen lässt oder ob wir einem Irrtum unterliegen.
Was haben wir gerade gemacht? Wir haben Annahmen formuliert und müssen uns nun entscheiden, ob wir die Annahmen einfach für wahr halten, oder ob wir unsere eigenen Annahmen überprüfen wollen. Entscheiden wir uns für das Zweite sind wir gerade zu Forschern geworden, entscheiden wir uns für das Erste, bleiben wir, wie wir sind.
Machen wir einen Sprung in ein Physikbuch für die siebte Klasse; auf einer der ersten Seiten lesen wir:
Wichtigste Arbeitsweise der Physiker
1. Umwelt mit offenen Augen beobachten.
2. Probleme erkennen und Fragen stellen.
3. Nachdenken und Vermutungen über mögliche Antworten formulieren.
4. Experimente zur Überprüfung der Antworten erfinden und durchführen.
5. Versuchsergebnisse formulieren und zu Gesetzen verallgemeinern.
6. Eventuell aus Meßreihen Formeln ableiten.
Anmerkung: Um Versuchsergebnisse zu einem Gesetz zu verallgemeinern, muß man die Experimente mehrfach wiederholen und dabei die Voraussetzungen oder Vorbedingungen ändern, denn ein Experiment allein beweist wenig.
Abgesondertheit
„Ein Labor ist ein abgesonderter Raum. Im Labor werden Teile der Welt, die aus Ihrem Kontext entnommen wurden untersucht und erforscht. Durch die Formulierung von Theorien wird versucht, die Ergebnisse, die man in dieser „außergewöhnlichen“ Umgebung gefunden hat, für die Alltagswelt nutzbar zu machen.“ Ersetzen wir nun einmal in der obigen Arbeitsanweisung das Wort Physiker durch das Wort Künstler, und Experimente durch Kunstwerke, so erhalten wir folgende Sätze:
Wichtigste Arbeitsweise der Künstler
1. Umwelt mit offenen Augen beobachten.
2. Probleme erkennen und Fragen stellen.
3. Nachdenken und Vermutungen über mögliche Antworten formulieren.
4. Kunstwerke zur Überprüfung der Antworten erfinden und durchführen.
5. Versuchsergebnisse formulieren und zu Gesetzen verallgemeinern.
6. Eventuell aus Meßreihen Formeln ableiten.
Anmerkung: Um Versuchsergebnisse zu einem Gesetz zu verallgemeinern, muß man die Kunstwerke mehrfach wiederholen und dabei die Voraussetzungen oder Vorbedingungen ändern, denn ein Kunstwerk allein beweist wenig.
Wir sehen, dass die Sätze immer noch einen Sinn machen. Übertragen wir nun die Beschreibung eines Labors auf das Atelier eines Künstlers, so erhalten wir folgende Sätze: „Ein Atelier ist ein abgesonderter Raum. Im Atelier werden Teile der Welt, die aus Ihrem Kontext entnommen wurden untersucht und erforscht. Durch die Formulierung von Theorien wird versucht, die Ergebnisse, die man in dieser „außergewöhnlichen“ Umgebung gefunden hat, für die Alltagswelt nutzbar zu machen.“ Es scheint also nicht notwendig zu sein, dass die Kunst mit dem alltäglichen Leben identisch sein muss, um eine Wirkung auf eben diesen Alltag entfalten zu können. Wir sind uns dabei bewusst, dass ein Labor bzw. ein Experiment immer nur bestimmte Aspekte eines Dings beleuchten kann. Trotzdem können die Ergebnisse, die wir in unserem Labor erhalten, in die Alltagswelt übertragen werden.
Verstehen wir Kunst also einmal als Laborsituation, in der das Ziel nicht die Duplizierung des Alltags ist, sondern in der Aspekte der alltäglichen Welt durch Nachahmung, Abbildung, Darstellung und Spiegelung untersucht und interpretiert werden.
Seltsamkeit
Wir haben durch einen „seltsamen“ Eingriff ein Ergebnis erzeugt, das uns den Zugang zu künstlerischer Arbeit eröffnet. Die Gleichsetzung lässt die Vermutung entstehen, dass man durch Kunst einen ähnlichen Zugriff auf die Welt bekommt wie durch Naturwissenschaft. Dies bedeutet nicht, dass man naturwissenschaftliche Erklärungen durch künstlerische ersetzen könnte. Dies bedeutet aber, dass auch durch die Kunst Erkenntnisse über die Welt gewonnen werden können. Betrachten wir Experimente genauer, so können wir sehen, dass sowohl in den naturwissenschaftlichen Labors als auch in den künstlerischen Laboratorien oftmals auf den ersten Blick seltsam anmutende Experimente durchgeführt werden. Wir sehen aber auch, dass diese Experimente für den Alltag oftmals bedeutsame Wirkungen entfalten. Das schönste Beispiel hierfür ist die äußerst seltsame Quantenmechanik. Die Quantenmechanik beschäftigt sich mit Wahrscheinlichkeitswellen, gleichzeitig existierenden gegensätzlichen Zuständen und mit Teilchen, deren Ruhemasse Null ist. Gleichzeitig erforschen große ernsthafte Konzerne die Möglichkeiten, sogenannte Quantencomputer zu entwickeln, bei denen gerade die Eigenschaften der Wahrscheinlichkeit zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit von Computern genutzt werden können. Warum sollen dann nicht auch „seltsame“ künstlerische Experimente in den Ateliers dazu beitragen, etwas über unseren Alltag zu erfahren und damit die Grundlagen für selbstverantwortliches Handeln zu schaffen? Seltsamkeit alleine ist also kein Beleg für fehlende Bedeutung oder Un-Sinn.
Verstehen wir Kunst also einmal als Laborsituation, in der wir an Hand von Theorien „über Nix“ Theorien „über Etwas“ entwickeln und betrachten wir das Verhältnis zwischen „Nix“ und „Etwas“, dann stellt sich die Frage, ob denn „Nix“ Nichts ist oder ob „Nix“ nicht schon selbst „Etwas“ ist. Welchen Unterschied macht es, ob wir über Nix nachdenken oder nicht über Etwas nachdenken. Der Unterschied besteht darin, dass man im ersten Fall nachdenkt, im zweiten nicht. Durch Nachdenken entsteht die Wahrscheinlichkeit, dass man zu einem sinnvollen Ergebnis gelangt. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass man zu keinem sinnvollen Ergebnis gelangt. Das „Experiment“ beinhaltet also die Gefahr des Un-Sinns. Es ist mit Un-Sicherheiten behaftet. Der andere Fall, nicht nachzudenken hingegen, garantiert ein hohes Maß an Sicherheit, es ist nämlich sicher, dass man weder zu einem sinnvollen Ergebnis, noch zu einem nicht-sinnvollen Ergebnis gelangt.
Unterscheidbarkeit
Naturwissenschaftler legen großen Wert auf Unterscheidbarkeit. Die zu untersuchenden Objekte, die Fragestellungen und die Ergebnisse müssen von anderen Objekten, von anderen Fragestellungen und von anderen Ergebnissen unterschieden werden können. Ergebnisse, die sowohl beweisen, dass ein Krokodil nicht fliegen kann, als auch, dass es fliegen kann, gelten unter Naturwissenschaftlern als bedeutungslos. Mathematische Operationen, die als Ergebnis zeigen, dass 1=0 ist, gelten als unerlaubte Operationen. Wir wissen, dass zu einer ordentlichen Naturwissenschaft bestimmte Voraussetzungen gehören: Die Ergebnisse müssen von anderen Wissenschaftlern reproduziert werden können. Experimente müssen unter fest definierten Voraussetzungen durchgeführt werden. Die Ergebnisse dürfen nicht im Widerspruch zu anderen, gültigen Ergebnissen (z.B. den Naturgesetzen) stehen.
Von Kunstwerken erwartet man auch heutzutage oftmals noch das Gegenteil: Kunstwerke sollen einzigartig sein und nicht nachgemacht werden können. Kunstwerke sollen unabhängig von Voraussetzungen „funktionieren“ und Kunstwerke sollen im Widerspruch zu anderen Kunstwerken stehen. Warum gelten aber in der Gegenwart noch Erwartungen an Kunstwerke, die für die Naturwissenschaften seit Abschaffung der Alchemie der Vergangenheit angehören? Oder gehören Sie vielleicht gar nicht der Vergangenheit an? Erwartet man nicht auch von den Naturwissenschaften eine Erklärung für alles? Wünschen wir uns nicht ein Medikament, das gegen alles hilft? Einen Computer, der für uns Texte nicht nur schreibt, sondern auch noch gleich versteht, der uns jederzeit mit jedem in Kontakt treten lässt und nebenbei noch unser Geld an der Börse gewinnbringend anlegt?
Übertragen wir, wie schon oben getan, die Ansprüche, die an Naturwissenschaften gestellt werden einmal auf die Kunst: Was spricht gegen Kunstwerke, die reproduzierbar sind? Was spricht dagegen, dass Künstler die Voraussetzungen zum Funktionieren von Kunstwerken definieren? Gibt es Kunstwerke, die nicht im Widerspruch zu anderen Kunstwerken stehen? Was geschieht mit uns und unseren Erwartungen, wenn wir Interpretationen, die behaupten „ein Kunstwerk könnte dieses bedeuten genau so gut aber auch das Gegenteil“ als unerlaubte Operationen ansehen? Um darauf Antworten geben zu können, müssen wir uns fragen, was wir von Kunstwerken erwarten.
Verstehen wir Kunst also einmal als Laborsituation, in der Experimente mit Unterscheidbarkeit, Ähnlichkeit und Vergleichbarkeit durchgeführt werden. Verstehen wir den Raum Kunst einmal als Labor, um unsere eigenen Erwartungen an Kunstwerke zu erforschen. Sollen die Kunstwerke uns so bleiben lassen, wie wir sind, oder sollen uns die Kunstwerke zu Erforschern machen? Sollen die Kunstwerke uns in unseren Annahmen über die Welt bestätigen, oder sollen Sie uns andere, neue Ansichten erfahren lassen?
Übersetzbarkeit
Betrachten wir das Labor eines Biologen. Jeder weiß, dass ein Hund keine Maus ist und dass ein Mensch erst recht keine Maus ist. Trotzdem experimentieren Biologen mit Mäusen und gelangen zu Ergebnissen, die sie auf das menschliche Leben übertragen. Dies funktioniert nur deshalb, weil man nicht 1:1 überträgt, sondern auf der einen Seite Strukturen erkennt, die sich auch auf der anderen Seite abbilden lassen und so Konsequenzen auf die andere Seite übertragen werden können. In den Naturwissenschaften werden Ergebnisse in Konsequenzen übersetzt. Der Naturwissenschaftler entwickelt Modelle, indem die Messergebnisse in eine anschauliche Form übertragen werden, um so einerseits die Schlüssigkeit der Ergebnisse zu überprüfen und andererseits aus der Menge der Einzelbeobachtungen eine handhabbare Schlussfolgerung zu formulieren.
Übertragen wir dies in die künstlerischen Ateliers. Beobachtungen, Eindrücke, Ideen und Schlussfolgerungen werden in Bilder, Objekte und Installationen übersetzt, die ihrerseits vom Betrachter übersetzt werden müssen. Aus einem Bild lässt sich keine Handlungsanleitung 1:1 abbilden. Vielmehr verlangt es vom Betrachter zu einem Forscher zu werden, der Ergebnisse interpretiert, um sie in seinem Alltag anwenden zu können.
Das Übersetzen ist aber auch hier nicht einfach ein abbildender Vorgang, bei dem Erkanntes illustriert wird. Das Übersetzen selbst ist ein Teil des Erkenntnisprozesses. Im Atelier untersucht der Künstler seine Objekte indem er mit Form und Farbe versucht Fragen an die Objekte zu stellen und Übersetzungen von ihnen anzufertigen. Seine Experimente beeinflussen gleichzeitig seinen Umgang mit den Objekten seiner Untersuchung, seine Fragestellung kann sich verändern und andere Aspekte können in sein Betrachtungsfeld treten. Durch das Erstellen von Modellen entsteht die Möglichkeit, Neues über das Untersuchte zu entdecken.
Verstehen wir Kunst also einmal als Laborsituation, in der Fragestellungen in Modelle übersetzt werden. Die einzelnen Kunstwerke sind die Experimente, die die Fragestellung, die Theorie überprüfen und in der Zusammenschau das Modell ergeben.
Formalisierbarkeit
Wenden wir hier ein, dass Naturwissenschaftler sich, im Gegensatz zu Künstlern, definierter Formen bedienen müssen, damit ihre Arbeit als wissenschaftlich akzeptiert wird, so gilt dies bei genauerem Hinsehen nur für bestimmte Arbeitsschritte, und wie wir sehen werden finden sich auch in der Kunst ähnliche Vorgaben. Der formale Rahmen des naturwissenschaftlichen Arbeitens ist nicht so unbeweglich, wie man zunächst annehmen mag, und eine Kunst, die Wirkungen entfalten will, die nicht einfach auf Zufällen beruht, ist nicht so frei, wie man zunächst annimmt. In den Naturwissenschaften werden zur Überprüfung bekannter Modelle formalisierte Methoden angewendet. Warum sollte man das Rad ein zweites Mal erfinden, wobei die Erfindung eines 2-eckigen Rades vielleicht schon wieder ein interessantes Unterfangen wäre. Wie überprüft man aber in den Naturwissenschaften neue Theorien, Erklärungsansätze, für die es noch kein formalisiertes Verfahren gibt? Zur Untersuchung des Unbekannten muss sich auch der Naturwissenschaftler neue Experimente ausdenken.
Formalisierbare Verfahren finden sich auch in der Kunst. Will man eine bedrohliche Stimmung erzeugen, bedient man sich dunkler Farben im Hintergrund, positioniert diese im oberen und linken Teil des Bildes, lässt am Besten noch von rechts ein Gesicht mit tiefen Augenhöhlen im Anschnitt erscheinen und vermeidet bunte Blumen und Schmetterlinge im Bildvordergrund. Welches Verfahren soll der Künstler aber anwenden, wenn er „das Gewicht der Worte“ mit Mitteln der bildenden Kunst untersuchen will?
Wir müssen unterscheiden zwischen „formalisierten Verfahren“ und „formalisierten Fragen“. Formalisierte Verfahren helfen sowohl in der Naturwissenschaft als auch in der Kunst, sich auf seine (selbst gestellte) Hauptaufgabe konzentrieren zu können. Formalisierte Fragen hingegen finden Anwendung, wenn man gezielt bestimmte Antworten erhalten will. Die Formalisierung selbst muss kein Widerspruch zum Unbekannten sein, wenn das Verfahren die Möglichkeit unterschiedlicher Fragestellungen enthält. Ein Verfahren, welches aber schon im Vorhinein feststehende Antworten erzeugt, ist für die Erforschung des Neuen ungeeignet. Gerade an dieser Stelle bewegen sich Künstler und Naturwissenschaftler auf einem schmalen Grad: Ist für den Künstler wie für den Naturwissenschaftler doch gerade die Form ein wichtiges Werkzeug zur Findung und Formulierung. Wird aber die Formalisierung zum Grund des Tuns, so ist alles verloren, denn formalisierte Verfahren gelten nur für schon Bekanntes.
Verstehen wir Kunst also einmal als Laborsituation, in der Formalisierungen entwickelt werden, um neue, unerforschte Räume zu betreten. Das Formalisieren dient dabei als Überprüfungsmethode, wie weit das Entdeckte in das Bewusstsein vorgedrungen ist und bietet eine Reflexionsmöglichkeit darüber, dass das, was wir für eine Forschungsreise halten, nicht einfach ein Umherirren ist. Es zeigt, ob wir uns verfahren haben.
Witzigkeit
„Ernst sei das Leben und heiter die Kunst“, schade wenn es so wäre, denn wo bliebe da „die fröhliche Wissenschaft“? Sicher ist nicht alles lustig, was glänzt, aber wenn wir im Herkunftswörterbuch nachschlagen, lesen wir, dass das Substantiv „Witz“ aus der indo-europäischen Sprachwurzel *ueid- abgeleitet wird. *Ueid- bedeutete zunächst „erblicken, sehen“, später „gesehen haben“. Witz bedeutete daher ursprünglich „Wissen“, woraus sich „Verstand, Klugheit, Schlauheit“ entwickelte. Erst im 18. Jh. entwickelte sich die Bedeutung „Spott, Scherz, scherzhafte Äußerung“ (aus: Duden, Etymologie: Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, G. Drosdowski, Mannheim, Wien, Zürich, 1989). Auf der gleichen Seite (816) finden wir auch die Wörter „Wissenschaft“ und „Wissenschaftler“. Es ist also nicht aus der Luft gegriffen, wenn wir zwischen >Sehen< und >Wissen< eine enge Beziehung herstellen. Derjenige, der „gesehen hat“ weiß etwas, was der, der „nicht gesehen hat“ nicht weiß. Hierüber knüpft sich auch die Verbindung zwischen denjenigen, die sich mit dem Sehen beschäftigen, den Künstlern, und denjenigen, die das Wissen „schaffen“, den Wissenschaftlern. Wahrnehmung („sehen können“) und Wissen stehen so in einer wechselseitigen Beziehung: „Ich sehe, was ich weiß ich weiß, was ich gesehen habe“.
Die Witzigkeit hat aber auch in ihrer heutigen Bedeutung eine wicht(z)ige Funktion. Der Witz „funktioniert“ durch die Enttäuschung einer formalisierten Erwartungshaltung. Unsere gewohnte Wahrnehmung, unser Alltag wird gebrochen. Wir lachen, wenn man uns eine Geschichte erzählt, in der die Pointe entgegengesetzt zu unserer Erwartung verläuft. Selbst wenn jemand, was wir niemandem wünschen, mit vollgepackten Einkaufstaschen vor eine Laterne läuft, dabei auf den Orangen ausrutscht und einen ungeschickten Salto schlägt, lachen wir. Eben weil unsere Erwartung „alle gehen geordnet mit den Einkaufstüten vom Aldi nach Hause“ enttäuscht wird. Durch den Witz entsteht eine Irritation in unserer gewohnten Sicht, die uns, wie auch immer geartet, näher hinschauen lässt wir nehmen unsere Umwelt bewusst wahr.
Nicht dass wir dadurch schon automatisch zu „Wissenden“ geworden wären (wir wissen zum Beispiel nicht automatisch, wie teuer die Orangen waren), aber unsere Aufmerksamkeit ist geweckt. Außerdem wird durch die Redewendung „Witz haben“ ja nicht der als wissend bezeichnet, der über den Witz lacht, sondern derjenige, der ihn gemacht hat. Nur lachen allein genügt eben nicht. In einigen Ländern zum Beispiel werden Menschen, die immer nur grinsen übrigens für geisteskrank gehalten - das als vorsichtiger Hinweis. Der Witz und das Lachen über ein irritierendes Erlebnis erzeugen aber auf jeden Fall eine Situation erhöhter Wahrnehmung, die wir nutzen können um das Gesehene bewusst aufzunehmen und, wenn für „unsere Frage“ interessant, darüber nachzudenken.
Verstehen wir Kunst als eine Laborsituation und Kunstwerke als Experimente, in denen unsere Wahrnehmungsfähigkeit geweckt werden soll, die uns aus gewohnten Sichtweisen wachrütteln oder aufschrecken und uns so einen Schritt in Richtung Wissen gehen lassen kann. Und manchmal können wir auch noch richtig darüber lachen.
Kommunizierbarkeit
Zahlreiche Forschungsfelder der Naturwissenschaften sind heute in weit verästelte Spezialdisziplinen aufgefächert. Die Zeiten eines Leonardo da Vinci, der neben einer Wasserpumpe und der Vermassung des Menschen auch noch das Konzept eines Hubschraubers entwickelte, sind feste Bestandteile der Geschichte. Auch in der Kunst der Gegenwart ist die Zeit der großen Ismen Vergangenheit. In den komplexen Gesellschaften sind einfache Lösungen fast immer die falschen. Und die Suche nach dem Stein der Weisen gehört mehr in den Bereich der Unterhaltungsindustrie als auf die Arbeitslisten von Naturwissenschaftlern und Künstlern.
Gerade aber wegen dieser Spezialisierung kommt der Kommunizierbarkeit von Fragestellungen, Modellen und Entwürfen eine große Bedeutung zu. Einerseits würden Entdeckungen in den Archiven der Fachlaboratorien wirkungslos endgelagert, andererseits unterliegen die einzelnen Spezialdisziplinen der steten Gefahr des „Abteilungsdenkens“. Als erster Mathematiker die x-te Kommastelle von Pi zu errechnen ist heutzutage ebenso fortschrittlich, wie Probleme der Farbe Rot in der Malerei zu lösen. Wenn Naturwissenschaft und Kunst nicht gänzlich hinter die Technik und die Unterhaltungsindustrie zurückfallen wollen, wenn in der modernen Gesellschaft noch Fragen gestellt werden sollen, statt vorgefertigter Antworten, dann sind die Anforderungen an die Erforschung der Kommunizierbarkeit nicht hoch genug einzuschätzen.
Erforschen der Kommunizierbarkeit, dass meint nicht die Entwicklung noch breitbandigerer Kanäle zur Erzeugung von noch günstigeren Tarifen, die wegen der zunehmenden Nutzung trotzdem immer größere Gewinne abwerfen, Erforschung der Kommunizierbarkeit, das meint an dieser Stelle auch nicht, noch besser strukturierte Antragsformulare auf Kunst- und Forschungsgeldertöpfe zu entwickeln.
Erforschung der Kommunizierbarkeit meint hier die Entwicklung kreativer Austauschverfahren zwischen Kunst und Wissenschaft, die Anerkennung der Abgesondertheit als Notwendigkeit und die Akzeptanz des Seltsamen als Potential des Möglichen. Erforschung der Kommunizierbarkeit meint hier Schaffung neuer Strukturen um aus der Unterscheidbarkeit eine Brücke zu bauen, die Reichweiten der Übersetzbarkeit kritisch zu begreifen, die Formalisierbarkeit als Instrument des Verstehens und die Witzigkeit als Form der Wissensvermittlung zu verstehen.
Verstehen wir Kunst als eine Laborsituation und Kunstwerke als Experimente, mit denen Künstler Phänomene der Kommunizierbarkeit untersuchen, um etwas über die Welt, in der wir Leben, herauszufinden, dann werden die Betrachter von Kunstwerken selber zu Laboranten. Wir experimentieren mit den Wirkungen, die die Kunstwerke in uns hervorrufen. Wir vergleichen diese Wirkungen mit unserem Archiv unseren Erinnerungen und wir überprüfen diese Wirkungen auf ihre Gültigkeit in Bezug zu unseren Fragen, die wir an die Welt haben. Und wenn wir dann auch noch über unsere Erfahrungen kommunizieren, dann werden wir vielleicht sogar Forscher.
|